Wie kann man Stressbelastung messen ?

Ist es überhaupt sinnvoll, seine Stressbelastung zu messen? Diese Frage ist auf jeden Fall mit „Ja“ zu beantworten. Mit der Messung von Belastungsfaktoren lässt sich ermitteln, wie es um Ihren Gesundheitszustand ganz allgemein bestellt ist. Wenn sie bei einer gesetzlichen Krankenkasse versichert sind, wird nur das absolute Minimum an Laborwerten bestimmt. Sie kennen dann ihren Blutdruck, einige Elektrolytwerte, ihren Blutzuckerwert, vielleicht noch einige Entzündungsparameter und ihren Cholesterinspiegel, der auch noch stark überbewertet wird. Aber sie wissen nichts über ihr Stressniveau, auch nicht, wie gesund oder krank sie tatsächlich sind. Stress aber ist verantwortlich für Krankheiten, wie Depressionen, Herz-Kreislaufprobleme, Rheuma, Arthrose bis hin zu Krebs, selbst wenn sie noch keine Symptome zeigen. Mit der Messung von Stressfaktoren gelingt es aber, schon sehr früh zu erkennen, ob etwas in ihrem Körper nicht in Ordnung ist. Mit diesem Wissen können dann weitere Untersuchungen durchgeführt werden, um die Ursachen für ihre Stresssymptomatik zu ermitteln. Das heißt, jetzt kann man ernsthaft prophylaktisch vorgehen, um gezielt Krankheiten vorzubeugen.

1.   Bestimmung der Stresshormone

Natürlich bedeutet die Messung der Stressbelastung, die Faktoren zu bestimmen, die bei Stress eine Rolle spielen. Deshalb noch einmal zurück zu der Frage, was passiert, wenn ein Stressreiz erfolgt. Zunächst wird das Hormonsystem aktiviert und es werden die Stresshormone Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol freigesetzt. Dadurch werden verschiedene Organe in Alarmbereitschaft versetzt: Die Spannung von Skelett- und Gefäßmuskulatur wird erhöht, Blutdruck und Puls steigen, Blutzucker und Fettsäuren als Energielieferanten werden bereitgestellt, die Blutgerinnung wird aktiviert, und das Gehirn erhält mehr Sauerstoff. Gleichzeitig werden nicht lebensnotwendige Körpervorgänge gedrosselt. Der Körper ist jetzt zu Höchstleistungen bereit.

Bei Dauerstress sinkt die Energieproduktion auf einen minimalen Wert, was man zum Beispiel an reduzierten Cortisol-Werten sehr gut feststellen kann. Damit bietet sich die Messung der Stresshormone an, um die Stressbelastung zu ermitteln. Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol, kann man sowohl im Blut als auch im Speichel messen. Für Cortisol kann mithilfe des Speicheltests auch noch das Tagesprofil bestimmt werden. Das Tagesprofil für Cortisol zeigt dabei am Morgen den höchsten Wert, was ja auch den Anforderungen für die Energiebereitstellung entspricht. Im Verlauf des Tages sinkt der Cortisolspiegel beständig mit einem kleinen Mittagshoch, um dann in der Nacht auf einen minimalen Wert zu fallen. Alle drei Parameter lassen sich labormedizinisch bei einem Arzt oder Heilpraktiker bestimmen. Sollten die Werte nicht im Normbereich liegen, können entsprechende Therapien eingeleitet werden.

2. Messung freier Radikale

Bei Dauerstress beobachtet man darüber hinaus, dass die Belastung mit freien Radikalen stark zunimmt. Freie Radikale sind hochreaktive Spezies, zum Beispiel Hydroxylradikale, Sauerstoffradikale und auch andere. Sie spielen eine wichtige Rolle in zellbiologischen Prozessen, können aber bei Konzentrationen oberhalb der Norm die Zellen schädigen.

Freie Radikale kann man in einem freien Radikale Check mithilfe von Teststreifen messen. Diesen können sie zum Beispiel in den Apotheken oder im Internet als „Freie Radikalen Test“ erwerben und zu Hause anwenden. Der Test enthält 3 Teststreifen, womit man selbst eine Therapiekontrolle durchführen kann.

Die Therapie besteht darin, die freien Radikale zu binden. Dazu kann man Radikalenfänger oder Antioxidantien einnehmen. Zwei der wichtigsten Vertreter sind Coenzym Q 10 und Vitamin C. Sie binden freie Radikale sehr gut und beeinflussen auch die Funktion der Mitochondrien positiv. Zudem haben sie eine positive Wirkung auf das Immunsystem. Vitamin C bindet wasserlösliche und Coenzym Q10 fettlösliche freie Radikale.

3. Psychologische Testverfahren

Weitere Methoden zur Bestimmung des Stresszustandes eines Menschen sind psychologische Testverfahren. Dabei gibt es welche, die man als Selbsttest nutzen kann, und psychologisch validierte Verfahren, die von einem Psychotherapeuten eingesetzt werden, um den Behandlungsverlauf dokumentieren zu können.

Ein Selbsttestverfahren kann man zum Beispiel bei ergo-online16 einsehen und anwenden. Als Grobanalyseinstrument für Laien nennt der Fragebogen Stress auslösende Faktoren, wie zum Beispiel Zeitdruck, Verantwortung, Konkurrenzdruck, Konflikte, hochkomplexe Anforderungen u.a. und ermöglicht ihre subjektive Bewertung. Einen weiteren einfachen Test zur Bestimmung der Stressbelastung gibt es von Gert Kaluza17, den man sich im Internet herunterladen kann.

4. Beurteilung des vegetativen Nervensystems

Eine andere Methode zur Messung von Stress bezieht sich auf die Messung von Parametern, die das autonome Nervensystem beschreiben und die sehr exakte Aussagen über den Stresszustand und den Gesundheitszustand erkennen lassen. Dazu eine kleine Erinnerung:

Das vegetative Nervensystem besteht aus dem Sympathikus, der für die Aktivierung von Körpervorgängen verantwortlich ist und dem Parasympathikus, der für die Entspannung der Körperfunktionen verantwortlich ist. Beide Anteile des vegetativen Nervensystems sollten unter Normalbedingungen im Gleichgewicht sein, einem Zustand, der weitestgehend stressfrei ist.

Zur Erklärung der Stressmessung über Parameter des vegetativen Nervensystems ist es notwendig, den Zusammenhang zwischen Atmung und Herzfrequenz zu verstehen. Die Herzfrequenz des menschlichen Körpers passt sich in der Regel dem Atemrhythmus an. Die Atemfrequenz ist jedoch von der Belastung abhängig, die unser Körper bewältigen muss. Ist das Herz in der Lage, sich der Atemfrequenz schnell anzupassen, kann man davon ausgehen, dass das autonome Nervensystem im Gleichgewicht ist. Wenn das Herz jedoch nicht dem Atemrhythmus folgt, so ist das autonome Nervensystem nicht in Balance. Dies ist gleichbedeutend mit einer gestörten Funktion des Sympathikus, den wir äußerlich nicht unbedingt wahrnehmen.

Wie ist das zu verstehen?

Unser Herz schlägt nicht konstant in einem Takt. Es muss ständig auf innere und äußere Einflüsse reagieren. Dieser Zustand ist normal. Und je besser wir auf verschiedene Situationen reagieren können, desto gesünder ist unser Organismus. Dies zeigt sich in einer ausgeprägten Unterschiedlichkeit der Herzschläge.

Herzratenvariabilität

In jungen Jahren ist der menschliche Körper flexibel, kann sich schnell an Situationen anpassen. Mit den Jahren verhärtet er und verliert im Alter seine Elastizität. Dabei ist es egal, ob die Biegsamkeit der Gefäße, der Gelenke oder des Geistes betroffen sind.

Jedoch ist nicht nur das Alter für den Verlust der Flexibilität verantwortlich. Immer mehr sind dies auch Umweltfaktoren und der moderne Lebensstil, geprägt durch Stress, die die Anpassungsfähigkeit des Herzschlags negativ beeinflussen.

Wenn es gelingt, sich an die äußeren Bedingungen anzupassen und mit unterschiedlichem Herzschlag darauf zu reagieren, sind und bleiben wir gesund. Wenn der Körper unfähig ist, flexibel zu reagieren, wird er krank.

Der Herzschlag eines kranken Menschen zeigt wesentlich geringere Veränderungsmöglichkeiten als der eines gesunden Menschen, also eine geringere Anpassung.

Die Unterschiedlichkeit der Herzschläge, auch Herzratenvariabilität (HRV) genannt, kann man messen. In nur fünf Minuten kann festgestellt werden, wie flexibel der Organismus ist. Gleichzeitig gibt diese Messung Auskunft über die persönliche Stresstoleranz. Sie zeigt, ob der für die Leistungssteigerung verantwortliche Nerv, der Sympathikus, mit der inneren Bremse, dem Parasympathikus, im Gleichgewicht ist.

Mit der HRV-Analyse kann das autonome Nervensystem gut eingeschätzt werden kann. Krankheitstendenzen lassen sich somit früh feststellen. Weitergehenden Analysen können damit schon sehr früh die Ursache für den Stress oder die Störung ermitteln. Damit gelingt es schließlich schon rechtzeitig Therapien einzuleiten.

(Auszug aus dem Buch:“Stress macht Stress – Wie Sie Stress besser verstehen und Ihre Gesundheit stärken können“ von Dr. E. Herzberg, 2019)

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